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Sophia Süßmilch: Gebenedeit sei die Frucht Deines Leibes
Galerie Petra Martinetz, Köln
4.9.2020 bis 15.10.2020

An unserem Anfang steht der Körper, umgeben von einem anderen Körper. Ein erstes Fühlen und gefühlt werden, ein erstes Greifen und Begreifen. Schon umfasst ihn Gesellschaft, Religion und Kultur, halb beschützend, überhöhend, halb Besitz ergreifend, determinierend. Der nackte Körper, bald – nach Monaten einer fleischlichen Raumfahrt – ganz in der Welt, erfährt eine Zuschreibung des Geschlechts, wird in ein System integriert, mit Kleidern in Rosa und Blau umhüllt und verborgen. Eben noch ein Kind der Mutter, jetzt schon das einer mächtigen Struktur, erfasst durch den Staat, Frucht eines jeglichen Gottes. Das soll der neue Ursprung sein. Ganz bestimmt.

Kunst, nicht zur Produktion kultureller Artefakte, sondern als Prozess der Definition des eigenen Seins und des Verhältnisses zu den anderen. Das ist zumindest eine Möglichkeit, über die Sophia Süßmilch in ihren Arbeiten spricht. Performance, Malerei, Fotografie und Film umreißen den eigenen Ort, eröffnen ein eigenes Spiel, berichten von der eigenen Selbstverständlichkeit, dem eigenen Selbstverständnis, entgegen unerwünschter Vereinnahmung und bedrängender Übergriffigkeit. Freiheit.

Ein archaisches Ritual und ein Spiel, ein in seiner Fröhlichkeit provokantes Lachen, wider dem Ernst der Lage. Der Körper, ein wohl gehütetes und zu hütendes Geheimnis, vor allen enthüllt. Arme, Beine, Kopf, Brüste und Vagina – die Raumfahrerin und ihr Mutterschiff. Bemalt, tätowiert, mit Prothesen ergänzt und verwandelt, im Wald und im Studio, in fotografischer Dar-Stellung zueinander und uns. Der reale Körper spottet dem Ideal, wo Schönheit keine normierte Dinglichkeit, sondern bewegliche Empfindung ist. Wo Du bist und warst, kann und konnte ich sein.

Sind die Fotografien und Aktionen von Sophia Süßmilch von großer Unmittelbarkeit, konfrontativ und direkt, erschließt ihre Malerei einen rätselhaften Kosmos. Die Wesen, die bläuliche Sphären bewohnen, lösen sich weitgehend von der menschlichen Form. Der Körper kann zum Baguette, zum Brotlaib werden, an dem nährende Brüste und Zitzen Vitalität und Kraft spenden und zum Ausdruck bringen. Zugleich unter regnenden Wolken und tief unter Wasser. Offen zwischen Unschuld und Ironie die Titel, mit vielen klaren Verweisen auf einen Glauben, voll Streben nach Höchstem, im Schatten erfahrbarer Heuchelei. Die Magd sollte sich fügen, wenn wir sie wohlfeil Königin nennen, Stütze der Gesellschaft. Ist diese äußere Welt wirklich so säkular, wie sie uns erscheinen mag?

Die Prozesse der Transformation sind komplex und durchdringen die Schichten und Zeiten. Die Eigentumsverhältnisse sind noch nicht geklärt. Körper, Seele und Geist könnten in der eigenen Lebensspanne zurückerobert werden. Die Rezeption eines Aufbruchs der gefügten Gegebenheiten muss sich nicht wieder erschöpfen in erprobten Verfahren der Einordnung. Individuelle Mythologien, Feminismus oder Aktionskunst bieten einen historischen Kontext, verleiten aber auch zur Abwendung vom „Jetzt“. Sophia Süßmilch macht anschaulich, wie aus der Realität des eigenen Körpers Wirklichkeit erwächst. Der Wert der Dinge und Wesen wird aus sich selbst geboren und ist dennoch die Filiation dieser Urerfahrung „eins“ und dann „zwei“ zu sein. Sie sagt: Ich bin hier. Trotz dem! Oder weil dem so ist?

Thomas W. Kuhn, Rheydt im Juli 2020


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