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Lucassen – De gelukkige schilder
Kunstmuseum Den Haag
1.6.2020–11.10.2020
Kunstforum International, Band 269
August/September 2020

Seit dem 1. Juni hat auch das im September 2019 umbenannte frühere Gemeentemuseum Den Haag wieder geöffnet. Tickets müssen für ein Zeitfenster vorab gebucht werden, für eine von zwei möglichen Routen, die sich durch den Berlage-Bau winden. Die Ausstellung mit 89 Bildern und Assemblagen von Reinier Lucassen (*1939 in Amsterdam) liegt am Ende der Route „Mondriaan“ und erstreckt sich über insgesamt elf Räume. Die Strecke ermöglicht auch den Besuch der sehenswerten Ausstellung „A.R. Penck – How it works“ (bis 27.9.2020).

Lucassen, der in der Regel auf seinen Vornamen verzichtet, gehörte in den 1960er Jahren zur Bewegung der Nieuwe figuratie, dem belgisch-niederländischen Pendant der Neuen Figuration, u.a. neben Raoul de Kayser und Etienne Elias. Er hatte vorab an der Schule für Zeichenlehrer am Rijksmuseum eine Ausbildung absolviert. 1967 gründete er gemeinsam mit Ger van Elk und Jan Dibbets das Internationaal Instituut for de Herstelling van Kunstenaars und war Künstler der Niederlande auf der 42. Biennale von Venedig, 1986. Vertreten in zahlreichen privaten und öffentlichen Kunstsammlungen seines Heimatlandes ist Lucassen, sowohl in der jungen Künstlergeneration als auch im Ausland, wenig bekannt. Dies spiegelt sich auch in den bislang vergleichsweise niedrigen Marktpreisen seiner Werke wider.

Die ältesten Werke der Schau stammen aus den 1960er Jahren, unter Verzicht auf eine chronologische Hängung, oft benachbart von aktuellen Bildern. Sie belegen, trotz vieler zeitgenössischer Bezüge, eine große inhaltliche und formale Kontinuität, wirken in ihrer Ganzheit dabei frisch und aktuell, jeweils in sich, originell. Die Vielfalt der Mittel und Bildideen gestaltet den Werküberblick abwechslungsreich, gekennzeichnet von einer humorvollen, nicht selten ironischen Tonlage. Stilistisch der Pop Art verwandt, steht sein Spiel mit Zitaten und Bezügen zur Kunstgeschichte im Kontext der frühen Postmoderne. Kritiker Joke de Wolf fand in seiner Vorbesprechung zur Ausstellung in der Amsterdamer Zeitung Trouw die für Lucassen passende Bezeichnung „Rebuskunst“ (vom 12.3.2020).

Das Motivbild der Ausstellung, „Romantisch landschap met palmboom“ von 1965, weist bereits die Richtung. Eine bunte Umgebung mit Palme vorn und Bergen hinten besitzt am rechten Rand eine geometrische Gliederung, mit der die modernistisch-sakrosankte Ästhetik von De Stijl ein wenig frech beschworen wird. Das Wort „Palm“ steht darüber und greift die Obsession für die Wechselbeziehung von Sprache, Zeichen und Bildmedien in der Kunst der 1960er Jahre auf. Hier zeigt sich in der Kombination eine Gemeinsamkeit mit Gerhard Richter, wie bei dessen Bild „Kuh“ von 1964, während die Palme in den Motivkreis kitschig-exotischer Dekorationsikonen Sigmar Polkes dieser Zeit passt. Lucassens Verbindung von Text und Bild zeigt sich auch in „Landschap (serie voor beeldend slechtzienden)“ von 1967, wo die anthropomorphe Gestalt wohl nicht ganz ungewollt auf Magritte referiert. Diese Verbindung wird noch deutlicher in „Groot Hollands nakt“ von 1969/70 in der Verschmelzung eines typischen Akt-Motivs Tom Wesselmanns mit Magrittes „La Clef de champs“ von 1936, ein doppeltes Pastiche. So ziehen sich die Bezüge durch zahlreiche Bilder: Pablo Picasso in „Portret van vrouw met Picassohoofd (1)“, Horst Antes in „De droom (naar Lucassen)“ 1973/74, Richard Lindner in „Portret van L. (2de versie)“ 1978, Alex Katz in „Portret van Joke“ 1971/72 oder Lucio Fontana in „Magnum Opus (It’s not after Fontana?)“ 2005.
Stärker verrätselt ist ein Bild wie „Leve Marat“ von 1966, dass die Erinnerung an Jacques Louis Davids Darstellung von 1793 provoziert, aber kompositorisch vielmehr der politisch anders motivierten Darstellung Paul Baudrys von 1860 nahesteht. So widmet sich Lucassen, der die deutsche Besetzung seiner Heimat erlebte, einer ganzen Reihe historischer und gegenwärtiger Politiker, bevorzugt mit dem Mittel der Assemblage, auf den Spuren von Francis Picabia und Kurt Schwitters. „De lois Adolf H. vermomd als Stetson, zeker bekend als de cowboyhoed“ von 2017/18 vereinigt auf blau-grauer Platte u.a. ein NS-Abzeichen, ein weiteres der UdSSR und einen Miniaturhut, der mitsamt Titel einen dezenten Hinweis auf die USA liefert. Welcher antidemokratisch gesinnte Geist mit Cowboy-Attitüde mag in diesem Rebus wirklich gemeint sein? Und neben Materialcollagen, die Lenin und Stalin gewidmet sind, findet sich auch ein weiterer Protagonist russischer Politik. „Herstel van het arbeitersparadijs onder de leiding van Vladmir P.“ von 2014, lesbar auch als Kommentar auf die restaurativen Aspekte der offiziellen russischen Geschichtsschreibung im letzten Jahrzehnt.

Auch die Auseinandersetzung mit dem Christentum stellt ein weiteres Leitmotiv für Lucassen dar, die in diesen Fällen der Politik und Religion Leid-Motive sein dürften. „Maria vermomd als de Mona Lisa van Marcel Duchamp en Jezus op de achtergrond beschimpt door twee heidenen“ von 2018 spielt auf eine ödipale Problematik im Sinne Freuds an. Seine Assemblage „Oedipus Rex“ von 2005 auf der Grundlage eines übermalten Bildes, das einem Martin Kippenberger nicht fern steht, ließe sich auch biografisch deuten, hatte Lucassen seine Mutter bereits in jungen Jahren verloren. Eigentlich eine Assemblage, verwendet Lucassen den Begriff Modifikation, der eine stärkere inhaltliche Dimension intendiert.

Weitere Seitenhiebe gelten seiner Nation und ihren Klischees, gar einer etwas provinziell ausgerichteten Kulturpolitik, wie in dem Objektbild „Herdershond vermomd als Spiderman beschermt Nederlands cultureel erfgoed, bijvoorbeeld de molens zeker de klompen“ von 2019. Mühlen, Klompen, Grachten, war da noch etwas? Solche potenziellen Nestbeschmutzungen mögen Kritik hervorbringen und den Kritikern widmet die Ausstellung ein Triptychon, das in seinen Teilen über vier Jahrzehnte datiert. In teils Comic-artiger Bildsprache finden sich eine quakende Ente mit Krokodilsträne und im fortgeschrittenen Verdauungsprozess befindliche Krawattenträger. „BAD SHOW“ lautet das Verdikt in aufgeklebten Schablonenbuchstaben. Lucassen verwendet hier und da auch das wenig schmeichelhafte Wort „Hypokrites“ für die kunstkritisch schreibende Zunft, die vielleicht lieber einem Muster und der Mode, als dem Auge folgt, wie in „Hypokrites persona (PERSONA 2)“, 1995, wo er Marmorstaub in die Farbe mischte. Lucassen eignet sich mit seinem Werk nicht zur Einordnung in Polaritäten von Zynismus oder Pathos und ist, aller Beweglichkeit und Schläue zum Trotz, eher klug als clever. Bei allem Humor, ein ernstzunehmendes Œuvre: GOOD SHOW.

Zur Ausstellung erschien im Hardcover eine Monografie in einer niederländisch- (29,90 €, ISBN 9789492995445) und englischsprachigen Ausgabe (34,90 €, ISBN 9789492995605) mit je 176 S. im Verlag Samsara, Amsterdam. Texte u.a. von Rudi Fuchs, Jan Hoet, Lucassen, Hans Janssen: Reinier Lucassen, Lucassen, Amsterdam 2020

Thomas W. Kuhn


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