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Kornelimünster
you are here – KünstlerInnen aus NRW auf Reisen

Kunsthaus NRW
09.05.2020–31.12.2020

Kunstforum International, Band 270
Oktober 2020, S. 281-283

von Thomas W. Kuhn

Vielleicht nur temporär, hat der Besuch einer Kunstausstellung 2020 unvermittelt an Reiz gewonnen, wenn auch die Reisegeschwindigkeit mit Bus und Bahn nur 40 kmh beträgt. Wer trotzdem auf modernen Pilgerpfaden den Weg nach Kornelimünster findet, stößt dort auf sechs zeitgenössische Positionen, die Elke Kania als Kuratorin im Herbst 2019 ausgewählt hat. Impuls für das Thema „Reise“ war die Fahrt von Albrecht Dürer 1520 nach Aachen anlässlich der Kaiserkrönung Karls V. im Dom, die für die Stadt ein konzertiertes Programm verschiedener ortsansässiger Institutionen als wünschenswert erscheinen ließ.

Die Einhaltung eines strengen Hygiene-Protokolls ermöglichte den Aufbau im Frühjahr mit unprätentiöser Online-Eröffnung am 9. Mai und Zugang für die Besucher ab dem 23. des Monats. Der Beginn der parallel zu eröffnenden Schau „zweite natur – Annäherung an die Natur in Werken der Sammlung“ musste allerdings allerdings auf den 12.9. verschoben werden.

„you are here“ gliedert sich in eine Abfolge von sechs Künstlerräumen, deren Auswahl und Zuordnung im Dialog zwischen den Künstlern und der Kuratorin entstand. Durch Fenster vom Tageslicht aus unterschiedlichen Richtungen wechselhaft beleuchtet, ist kein Raum gleich. Die Melange aus White Cube und historischen Artefakten der Architektur aus dem 18. Jahrhundert erfordert den Dialog der Werke mit dem Interieur. Und alle Beteiligten gehen ihn ein.

Den per se schmalen ersten Raum versieht Olga Jakob (* 1985 in Kiew) mit einem deckenhohen Polyestergewebe, das der Flucht der Türen folgt. Beklebt mit Papierfetzen in der vergrößerten Struktur eines Maschendrahtzauns bedingt die Enge des Raums sogleich die Nahsicht auf die Großform und entbirgt in der Collage diverse Motive konsumatorischen Begehrens: Golfplätze und Kreuzfahrten, die Kathedrale von Palma de Mallorca. Im Ganzen, verschlungene Pfade eines Lebens aus dem Prospekt, „CMYK II“. In Opposition: Terra Incognita, Macula, präzise Falten auf grauer Fläche, unbekannter und unverortbarer Raum. Das Werk fügt sich nahtlos ein ins Oeuvre der in Düsseldorf lebenden Künstlerin.

Raum 2: Die Eitelkeit des Ichs, in der Identität hinter kultivierter Inszenierung verschwindet, der blinde Fleck einer narzisstischen Selbstentfremdung, oder doch nur ein amüsant-ironisches Spiel um Prestige? Volker Hermes (*1972 in Wegberg) rekapituliert historische Porträts des 15. bis 18. Jahrhunderts. Ist das mehr als nur virtuose Bildbearbeitung mit Vorlagen von Jacometto Veneziano bis Pompeo Batoni (letzterer erfolgreicher Poträtist von Reisenden)? Ist Hermes wirklich ein ehemaliger Student von Dieter Krieg? Die Postmoderne ist hier eventuell wieder gegenwärtig als Mehrgenerationenprojekt mit Sinn für leicht perversen Humor: Kabarett im Kabinett, Einfühlung in Fremdkörperlichkeit, in Fremdzeitlichkeit. Denn Volker Hermes kann auch Malerisch, Zeichnerisch, Pferde, Freunde und aufgewühlte See, wenn auch nicht hier.

Isabella Fürnkäs (*1988 Tokyo), die prominent bei Hito Steyerl, Andreas Gurski und Keren Cytter studierte, füllt klanglich und installativ den dritten Raum. Die Rezitation von Texten Felix Guattaris und von Gilles Deleuze begleitet die von einem Gitter unterhalb der Decke herabhängenden Glastropfen. Einzelne dieser Tropfen sind graviert mit Worten: Desire, War, Beauty. Es ist eine Art künstlicher Regenschauer, der von oben herab, respektive der Deckenmalerei, niederschlägt. Der anspruchsvolle und einigermaßen kryptische Text vermittelt ein veranschaulichtes Produktionskalkül, das sich auf die Installation zurück binden lässt. Gesellschaftliche Fragen und Körperpolitik lassen sich, wie bei Hermes, als Moderne-Kritik lesen, allerdings als Teil eines weniger leicht zu erschließenden Gesamtwerks.

Auch Amit Goffer (*1979 in Tel Aviv) ist nicht ohne weiteres mit seinem Beitrag wieder zuerkennen. Als ehemaliger Student von Rita McBride und Richard Deacon verbindet auch er eine konzeptuelle Ausrichtung mit situativem, lyrischem Bezug. Integrierte Ventilatoren in seiner zentralen Arbeit „V“ von 2019 erzeugen einen Sirenen-gleichen Klang, der gleichermaßen alarmierend ,wie verlockend wirkt. Spiegelnde Flächen reflektieren den Umraum und wirken von der Rückseite her betrachtet transluzent. Umgebende Spigel an den Wänden referieren auf die Tradition der Wallfahrtsspiegel, mit denen aus der Ferne Kontakt mit dem Wesen vorgestellter Reliquien aufgenommen werden konnte. Raum und Besucher zeigen sich dabei in der Betrachtung vermittelt und greifen in Teilen vorhandene Dekorationsmotive auf.

Im fünften Saal folgt Malerei von Christian D. Stefanovici (*1982 in Temeswar), der u.a. bei Tal R in Düsseldorf studierte. Auch er griff, wie Goffer, Raumgegebenheiten auf und so setzt sein Gemälde „Reise nach Jerusalem (Deus vult)“ von 2020 den schachbrettartig gestalteten Boden mit ins Bild hinein fort. Das Gemälde „Heimaturlaub“ reflektiert bereits die Verwendung von Gesichtsmasken im Zeichen von COVID-19. Es sind düstere Bilder eines eigentümlich, mitteleuropäischen Stils, der sich einer gewissen Virtuosität bewusst zu verweigern scheint. Das hier und da Linkische scheint gewollt, Malerei, wie aus der Zeit gefallen, dann doch medial mit digitalen Notizen gegenwärtig in Nuancen zitiert.

Schließlich Evamaria Schaller(* 1980 in Graz), die sich performativ dem Genius loci nähert. Schaller konnte Räume der Abtei durchstreifen und sich selbst dabei filmen. Sie folgt dabei den Spuren des von katholischen Christen verehrten Papstes Cornelius aus dem dem 3. Jahrhunderts und seiner mutmaßlichen Heilwirkung zur Epilepsie/Fallsucht. Kritische Rückbindung auf Ort und Wallfahrt , die intermediale Verwendung eines vorgefundenen Fensters schließen hier den Kreis des Rundgangs. Eine charakteristische Arbeit der Künstlerin. Sie liefert hier den Ersatz für eine von zwei geplanten Performances, die sie und Isabella Fürnkäs im Rahmen der Ausstellung realisiert hätten, wären nicht andere Umstände eingetreten. Schallers Beitrag hat eine suggestive Qualität, ein vitaler Geist in leeren Räumen, der das Irrationale der gegenwärtigen Lage einbindet.

Elke Kania ist mit ihren künstlerischen Mitstreitern eine Ausstellung gelungen, die vielfältig, keineswegs beliebig und nicht illustrativ das Thema der Reise und Verortung umreißt. Pointiert im Gespräch steht sie als Kuratorin uneitel hinter den Inszenierungen in bester rheinischer Tradition zurück. Die Regionalität zeigt sich substanziell und weltläufig, unmodisch modern, nicht jugendlich, aber jung. Auch nur eine Etage lohnt die langsame Anreise ins Dreiländereck.

Ein Katalog zur Ausstellung ist in Produktion.

www.kunsthaus.nrw


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