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Carlos Amorales – The Factory
Stedelijk Museum Amsterdam
23.11.2019 – 7.6.2020
Kunstforum International, Band 266
März/April 2020, S. 309–311

Über 14 Räume des Altbaus im ersten Stock entfaltet sich die bislang größte Werkschau von Carlos Amorales (*1970 in Mexiko-Stadt) in Europa und nicht ganz zufällig in Amsterdam. Der multimedial arbeitende Künstler lebte hier von 1992 bis 2004 und studierte von 1992 bis 1995 an der Gerrit Rietveld Academie und war von 1996 bis 1997 Artist in Residence an der Rijksakademi van beelndede kunsten. 2003 gehörte er zu den Künstlern des niederländischen Pavillons auf der Biennale in Venedig und vertrat dort 2017 sein Heimatland.

Der Kurator der Retrospektive, Martijn van Nieuwenhuyzen, der nach seiner Berufung vom Stedelijk ans De Pont Museum in Tilburg im vergangenen Jahr in Kooperation mit Leontine Coelewij weiter an dem Projekt arbeitete, ist seit vielen Jahren mit dem Werk von Amorales vertraut. Und auch der neue Direktor des Stedelijk, Rein Wolfs, hat mehrfach in seiner Laufbahn mit Amorales zusammengearbeitet.

Das Werk des Künstlers, der mit Video, Performance, Musik, Installationen und Tafel- und Wandbildern arbeitet, ist durchzogen von ästhetischen und thematischen Bezügen zur mexikanischen Gegenwartskultur und -gesellschaft, die inhaltlich über ihren oft sehr konkreten örtlichen Bezug hinausweisen. Amorales verhandelt dabei im Wesentlichen die Frage der Identität, nicht nur des Künstlers, sondern des Individuum an sich, vor allem in der seit den 1990er Jahren virulenten Verschmelzung des Öffentlichen und des Privaten. Er beobachtet in diesem Zusammenhang nicht nur den Prozess einer kulturell-politischen De-Kolonisation, sondern auch das, was er im Kontext der Globalisierung ökonomischer Abläufe als eine Re-Kolonisation durch die Algorithmen Künstlicher Intelligenz beobachtet. Sein Leitmotiv ist ihm hierbei die Maske als Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft, deren Funktionen er im Katalog zur Ausstellung ausführlich auffächert. Dabei reflektiert er auch kritisch die Rolle der Kunst innerhalb einer dreigeteilten Weltbevölkerung, nach oben und unten begrenzt von Superreichen und Superarmen innerhalb eines aus Sicht des Künstlers zunehmend scheindemokratischen Systems.

Dem Thema der Maske ist ein ganzer Raum gewidmet, innerhalb der nicht chronologisch konzipierten Schau. Im Stil des mexikanischen Wrestlings, des Lucha Libre, ließ Amorales Mitte der 1990er eine stilisierte Maske nach seinem Gesicht anfertigen und änderte im Übrigen seinen Nachnamen in Amorales, um Verwechslungen mit seinem ebenfalls künstlerisch tätigen Vater zu vermeiden und um seinen Status als "Exot" innerhalb der europäischen Umgebung zu neutralisieren. Diese Maske und seinen Namen verlieh er seitdem immer wieder an andere Protagonisten, wie 1996 an Gabriel Lester, der anschließend an der Rijksakademie Performances realisierte. So konnte Amorales auch im Zweikampf gegen sich selbst antreten, dokumentiert im Video "Amorales vs. Amorales (Tijuana)" aus dem Jahr 2000. Der Kampf gegen sich selbst und des Inneren gegen das Äußere stellen dabei nur zwei Dimensionen im Verständnis des Künstlers dar.

Die Besucher werden dabei gleich zu Anfang der Ausstellung in die Rolle des Voyeurs eines Spektakels gemacht, das im Sinne Antonin Artauds – auf den sich Amorales bezieht – auch ein Theater der Grausamkeit ist. "Peep Show" von 2019, produziert für die gleichnamige Ausstellung in der Galerie Albarrán Bourdais in Madrid, aktualisiert Duchamps Installation "Étant donnés" im Philadelphia Museum of Art, in deren angrenzenden Räumen Amorales 2008 neben Werken Piet Mondrians ausstellte. Die raumgreifenden Bilder der "Orgy of Narcissus" von 2019, mit dem TextieLab in Tilburg produziert, führen das schon der Antike bekannte Dilemma des solipsistischen erotischen Begehrens weiter, das im Diskurs von Amorales den Echokammern sozialer Netzwerke entspricht und im Grunde Hybride produziert, die das Subjekt-Objekt-Verhältnis unterlaufen.

In einem weiteren Raum leitet Amorales daraus die Forderung ab: "Aprende a joderte" von 2019, bereits 2017 realisiert im Cabaret Voltaire in Zürich. Er kombiniert christliche Motive des Mittelalters mit obszönen Texten in Spanisch und Englisch und verbindet die kolonisierende Kraft der Religion mit derjenigen der Sprache, die keineswegs historisch ist. "Lerne dich selbst zu ficken", wie der Titel auf Deutsch lautet, fordert in klarer Sprache dazu auf, im Anschluss an Selbsterkenntnis die Übergriffigkeit auf das Andere und den Anderen zu unterlassen.

Die blasphemische Provokation der Bilder wird nur von der Realität selbst übertroffen, die Amorales in der Wandzeitung "Tongue of the Dead" von 2012 dokumentiert. Begleitet von einem Text in unlesbaren Zeichen zeigt er hier Reproduktionen zahlreicher Fotografien von Opfern des seit 2006 andauernden Kriegs gegen Drogen in Mexiko – unerträgliche Bilder, die für unerträgliches Leiden stehen. Diesem von Menschen gemachten Horror stellt er das Moment der Naturkatastrophe gegenüber, genauer dem Erdbeben von 1985, das die mexikanische Hauptstadt verheerte. Lineale, deren gezackte Form an Aufzeichnungen eines Seismografen erinnern, hängen an den Wänden und liefern als Zeichen des Chaos die Schablonen für geordnete Wandzeichnungen. Die Naturkatastrophe, positiv gedeutet, nivelliert die Hierarchien und eröffnet die Möglichkeit einer neuen Ordnung.

Die Umkehrung des Negativen ins Positiven reflektiert Amorales in exakt diesem Saal mit der Rekapitulation der räuberischen Aneignung seines Evironments "Black Cloud", das 2007 im Angedenken an den Tod einer seiner Großmütter entstanden war. Während sich "Black Cloud" expansiv über vier Kabinette des Museums spannt, ein lieblicher Schwarm unzähliger, aus Papier gefalteter Motten aus Papier, erzählt "Black Cloud Aftermath" die Aneignung dieses Werks durch die Modeindustrie, von Dior, über Dolce & Gabbana bis hin zu billigen Onlinehändlern. Anstatt zermürbender Rechtsstreitigkeiten wählte Amorales diesen Weg der Appropriation des Approbierten.

Amorales, der nach seiner Rückkehr nach Mexiko das Werkstattprinzip von Andy Warhol adaptierte und dort mit zahlreichen Künstlern, Technikern und Handwerkern die Verwirklichung seiner Ideen im Sinne einer "Factory" betreibt, hat auch im Medium der Musik und des Klangs ebenso simple, wie deutliche Zeichen gesetzt. "We’ll See How All Reverberates" von 2012 lädt die Besucher ein, mit Klöppeln auf Becken einzuschlagen, die Teil eines an Alexander Calder gemahnenden Mobiles sind, um damit die Ausstellungsräume entgrenzend zu beschallen.

Im Ganzen eine leicht bedrückende, klaustrophobische, aber überzeugende ästhetische Investigation einer Zeit im elementaren Umbruch.

Anlässlich der Ausstellung erschien ein Katalog in Englisch mit Texten von Carlos Amorales, Reinaldo Laddaga und Rein Wolfs: The Factory – Carlos Amorales, ca. 224 S., 25 €, ISBN 978 90 5006 211 4

Thomas W. Kuhn


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