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MOMENTUM 10 – Nordic Biennial for Contemporary Art. The Emotional Exhibition,
Moss, Norwegen
8.6. bis 9.10.2019
Kunstforum International, Band 262
August 2019, S. 306-311

1998 rückten die beiden Kuratoren Laurence Bossé und Hans Ulrich Obrist in Paris die nordeuropäische Kunst in den Fokus ihrer Ausstellung "Nuit Blanche" im Musée de l’Art Moderne de la Ville de Paris. Was Obrist als "Nordic Miracle" bezeichnete, markierte eine Internationalisierung der nordischen Kunstszene, die im selben Jahr im norwegischen Moss mit der 1. Ausgabe der Momentum-Biennale ihr Forum fand.

21 Jahre später, mit der 10. Ausgabe nutzte der Kurator Marti Manen (*1976 Barcelona) die Gelegenheit für einen Rückblick, einerseits in Form eines lesenswerten Readers, der alle bisherigen Veranstaltungen dokumentiert und andererseits in Form einer Reihe von Kunstwerken, die auf den älteren Biennalen zu sehen waren. In Anlehnung an Roland Barthes stellt er seine Schau dabei unter das Dispositiv des Emotionalen und beschwört den performativen Charakter einer durch ihre Besucher und deren Empfindungen verlebendigten Ausstellung.

Ursprünglich noch eng auf die seinerzeit relativ überschaubare Kunstszene von Dänemark, Schweden, Finnland, Island und Norwegen ausgerichtet, hat sich die Biennale in den letzten zehn Jahren zunehmend internationalisert. Dies dokumentiert auch eine Wandlung in der dortigen Kunstszene selbst. Assistenzkuratorin Anne Klontz (*1978) führt in ihrem Essay zur Biennale als Beleg dieser Veränderungen ein Zitat der Künstlerin Johanna Billing (*1973 Jönköping) an, die den Verlust der einst engen sozialen Verbindungen untereinander konstatiert. Zu diesem Umstand gehört, dass nicht wenige Künstler nordischer Provenienz mittlerweile außerhalb dieser Region leben, nicht selten in Berlin, wie etwa die Künstlerin Åsa Cederqvist (*1975 Stockholm) oder ihr prominenter Kollege Ólafur Elíasson (*1967 Kopenhagen), der auch an der 1. Momentum Biennale teilnahm und seinerzeit einen Fluss grün färbte.

Die fortschreitende Globalisierung, begleitet von teils disruptiven gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen ist auch am Austragungsort der Biennale aufzuspüren. Während die industriell geprägte Kleinstadt Moss in den 1990er Jahren in eine wirtschaftliche Krise geriet, aus deren Bewältigung auch die Biennale erwuchs, ist der Ort inzwischen in die Pendlerzone Oslos vorgerückt und erhält einen modernisierten Schnellbahnanschluss, samt Bahnhof. Exklusive Wohngebäude entstehen für eine neue Klientel und führen demnächst zur Aufgabe der Momentum kunsthall, die der Gentrifizierung weichen muss, wie von den Verantwortlichen aus Stadt und Provinz offen eingestanden wird. Immerhin, es bleibt noch der zweite Standort, der Landsitz Alby vor den Toren der Stadt, in der seit 1967 das Ausstellungsinstitut Galleri F 15 untergebracht ist.

Der Opener von Manens Biennale im Hof vor der kunsthall ist eine der wenigen Außenarbeiten. Die Skulptur "Ex" des niederländischen Künstlers Anne de Vries (*1977 Den Haag) ist ein acht Meter hoher, künstlicher Baum, der hier mit Horrorfratze und erhobenem Mittelfinger die Besucher empfängt. Die Arbeit ist durchaus exemplarisch für eine Reihe von Werken, bei denen sich das Unheimliche mit naiven und kindlichen Zügen verbindet und damit in die Wiegenzeit unserer Gefühle zurückführt. Tatsächlich interessieren den Kurator keineswegs nur Emotionen von der Sonnenseite des Lebens, wie er in seinem Aufsatz ausführt, wobei er den Gefühlen ein metalinguales Begreifen der Werke zuspricht.

Dennoch bildet ausgerechnet eine Textzeile des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgårds den erläuternden Untertitel zur Biennale. So hat der portugiesische Künstler André Alves (*1981 Lever) eine für ihn unvergessliche Zeile aus Knausgårds Roman "Min Kamp", Teil 1, freigestellt, die in der englischen Übersetzung "Who cares about politics when there are flames licking at the insides?" lautet. Der Text findet sich, als Großdia im Leuchtkasten vergrößert, innerhalb des Entrées der Momentum kunsthall, umgeben von überarbeiteten Originalseiten diverser Bücher und unter dem Titel "Pretext" zu einer längeren Lektüre der aphoristisch wirkenden Sätze einladend.

Zwei, der zahlreichen filmischen Werke, flankieren diese Eingangssituation in separaten Räumen. "Victoria" von 2008 zeigt in knapp neun Minuten die seltene Blüte einer Seerose in einem nächtlichen Gewächshaus. Salla Tykkä (*1973 Helsinki) nahm mit dieser poetischen Studie an der Moemntum Biennale von 2009 teil. Johanna Billing, drittmalige Teilnehmerin der Biennale widmet sich in ihrer aktuellen Arbeit "In Purple" einer Gruppe junger Frauen, die in einem migrantisch geprägten Vorort Jönköpings Teil der ortsansässigen Initiative "Mix Dancers" sind. Ziel ist die Selbstermächtigung durch gemeinsamen Tanz und das Bemühen, für diese Aktivität fehlenden Platz im öffentlichen Raum einzufordern.

Es folgt der verstörende Beitrag von Sissel Tolaas (*1959 Stavanger) im folgenden Treppenhaus. Wie schon 2015 findet sich hier die Geruchskomposition "MOVX_015", ein nicht unbedingt verlockender Duft, mit dem die Wand gestrichen wurde. Ausdünstungen spielen auch indirekt eine Rolle in der folgenden Installation von  Julieta Aranda (*1975 Mexiko Stadt). Sie beschäftigt sich in ihrer improvisiert erscheinenden Gruppe von Objekten mit der Industriegeschichte der Stadt Moss, die lange durch eine wenig bekömmlich riechende Papierfabrik dominiert war. Die Künstlerin produzierte vorab eine Zeitung als Take-away, die sich, gemäß dem Titel ihrer Arbeit "All the Memories of the World", mit dem Phänomen der Erinnerung und des Vergessens beschäftigt. Zu Beginn der Biennale roch es hier nach frischer Farbe aus einem offenen Behälter mit roter Flüssigkeit.

Eija-Liisa Ahtila (*1959 Hämeenlinna) dreikanaliger und fast zehnminütiger Film "Today" war schon auf der ersten Momentum Biennale zu sehen und wirkte weder technisch noch inhaltlich um einen Tag gealtert. Ihr intergenerationelles Gesellschaftsstück widmet sich der Lebensschwere erwachsen gewordener Kinder in einer Mischung aus Hysterie, Resignation und Alexithymie, überschattet vom bizarren Selbstmord eines alten Mannes, der sich bei Nacht in den Schatten eines Baumes auf einer Straße legt, um vom nächstbesten Fahrzeug voll fröhlicher Menschen überrollt zu werden.

Die beiden größten Environments hält einer der beiden großen Ausstellungsräume im Obergeschoss vor. Trotz großer Unterschiedlichkeit stehen die beiden Werkgruppen von Åsa Cederqvist (*1975 Stockholm) und Pepo Salazar (*1972 Vitoria-Gastéiz) in keinem größeren Konflikt zueinander. Allerdings zeigt sich hier, dass Marti Manen generell mehr auf ein Nebeneinander der Werke, als auf deren Verschränkung setzt. Das schafft Übersichtlichkeit, lässt aber ein wenig Dynamik vermissen. "Mama Dada Gaga" von Cederqvist, 2019 konzipiert, spielt über drei Generationen hinweg einen geradezu klassischen Konflikt der Emanzipation durch: Wie ist es möglich, sich jeweils als Frau, als Mutter und Künstlerin zu verwirklichen? Henrik Ibsens "Nora" mag in den Sinn kommen und wie ein Geist der letzten Jahrhundertwende schwebt eine genähte Replik von Edvard Munchs "Schrei" an der Wand. Doch weder Parodie noch Travestie nehmen der Arbeit von Cederqvist ihren Ernst.

Salazar umkreist in "Frozen" Folgen der Globalisierung, die zu einer Austauschbarkeit der Dinge und Ereignisse führen. Bettdecken mit dem Konterfei berühmter Spieler der spanischen Vorzeige-Fußballvereine Real Madrid und FC Barcelona folgen einer identischen Ikonografie und auch das Fast Food, mal italienischer, mal orientalischer Herkunft erscheint im Wesentlichen baugleich. Selbst die Inflation der Biennalen bekommt ihr Fett weg, betreten die Besucher doch das Environment über einen Laufsteg, der sich als venezianische Passerelle erweist, Gondelservice inbegriffen. Die Welt als fortwährendes Event. 2015 war Salazar einer der im spanischen Pavillon vertretenen Künstler, den Marti Manen kuratierte.

Der letzte Bereich der kunsthall war, wie schon das Untergeschoss, in ein atmosphärisches Dunkel getaucht. Den Auftakt macht "40–15" von Annika Larsson (*1972 Stockholm) aus dem Jahr 1999 und Teil der 2. Biennale von 2000. Die dreizehneinhalb-minütige Filmschleife zeigt das Aufschlagtraining zweier Männer in sehr knappen Tennisshorts, begleitet von Balljungen in einem geschlossenen Raum, dass die kaum subtile Erotik dieser Posen aufs Korn nimmt.

Auch Pauline Curnier Jardin (*1980 Pertuis) spielt mit der Travestie und Rollenklischees in ihrem 40-minütigen Video "Coeurs de Silex" von 2012, das sich historischer Umstände der Stadt Noisy-le-sec im Westen von Paris widmet, die, noch unter deutscher Besatzung stehend, 1944 von den Alliierten bombardiert wurde und ein krudes Dasein zwischen Baum und Borke in die Gegenwart einer von Migration geprägten Banlieu projiziert.

Es folgt aus 2017 Regina de Miguels (*1977 Málaga) lyrische Erkundung einer Forschungsstation und Militärbasis auf der Antarktis-Insel "Deception" und reflektiert, nicht ohne Pathos, über das Auftauchen und das Verschwinden des Menschen in 28 bildstarken Minuten.

Saskia Holmkvist nutze die erneute Einladung zur Biennale, um sich in einer neu kommentierten Fassung schonungslos kritisch mit ihrem Video "Blind Understanding" von 2009 auseinanderzusetzen. Die romantisch anmutende Flussfahrt, ursprünglich ein Kommentar zum Wechselverhältnis Natur und Zivilisation gewinnt dadurch eine neue Dimension der Relektüre: wie sind gut gemeinte Botschaften authentisch zu vermitteln?

Mit der zwielichtig beleuchteten Rauminstallation "Mental Landscapes: Behind the Curtain, Blue Longings, Black Boxes" entführt die Schwedin Fanny Ollas (*1984) ihre Gäste dann unvermittelt in eine Mischung aus Imaginationen Lewis Carrolls und David Lynchs. Gleich benachbart lockt auch Knut Åsdam (*1968 Trondheim) in einen Kaninchenbau anderer Art, dessen futuristisch wirkender Zugang in eine Mischung aus Darkroom und Club-Lounge entführt. Während der Raum eine Rekonstruktion des Environments der 1. Biennale ist, sind die acht präsentierten Filme mit zwei Stunden Spielzeit neueren Datums. Åsdam umreißt in seinen Filmen öffentliche Orte und gesellschaftliche Rollen in deren individueller Interpretation durch einzelne Persönlichkeiten, die dabei virulente Konflikte psychologischer und weltanschaulicher Art aufdecken.

Weiter geht es im nahe gelegenen Literaturhaus "House of Foundation". Francesc Ruiz (*1971 Barcelona), den Manen ebenfalls 2015 für Venedig auswählte, gestaltete einen Comicladen, dessen sexualisierte Cover ein Abbild multi-identitärer Persönlichkeits- und Körperkonzepte darstellen. Für manche Besucher war das schlicht Pornografie. Mit einem kaum weniger verminten Terrain beschäftigt sich Stine Marie Jacobsen (*1977 Sønderborg) seit 2013 und untersucht die Wirkung von Gewaltdarstellungen auf Betrachter hinsichtlich der Rollen von Tätern und Opfern im Film, beispielsweise "American Sniper".

Versöhnlicher stimmen könnten die beiden Außenprojekte von Pauline Fondevila (*1972 Le Havre), einer Performance mit kleinen Seglern im Hafen und der Verschönerung des umstrittenen Bahnprojekts, dem zahlreiche Häuser zum Opfer fielen. Die erstmals 2010 realisierte Performance "Promise by the Sea" zeigt auf den Segeln der von Kindern gesteuerten Bote u.a. Texte aus dem Umfeld der Pariser Studentenunruhen von 1968 in norwegischer Sprache. Ob an den Baustellenzäunen der Bahn ein Satz, wie "Sing mit den Vögeln" denen Vertriebenen hilft, die hier wohnten, bleibt unklar.

Schließlich vereinigt die Galleri F 15 die restlichen Positionen der Biennale, einerseits mit den Skulpturen Erik Öbergs (*1987 Älvsbyn), die an ausgestopfte Lebewesen unbekannter Art denken lassen, den Ölgemälden Hannaleena Heiskas (*1973 Oulu) mit tierischen Protagonisten in anthropomorpher Porträtpose, Julieta Arandas animierten, fotografischen und skulpturalen Cyborgs oder Eirik Senjes (*1982 Norwegen) delikaten Pastellmalereien, die – ohne ein Klischee bedienen zu wollen – sowohl inhaltlich wie formal an Edvard Munch erinnern, der zwischen 1913 und 1916 auf der zu Moss gehörenden Insel Jeløya lebte, auf der die Galerie situiert ist. Auch Gabriel Lester (*1972 Amsterdam) hinterlässt mit seinem Film "Blank Stare" von 2013 ein Unbehagen, wo die gezeigten Personen konzentriert an der Kamera vorbei auf ein "Etwas" starren, eine Arbeit die auch auf der 8. Biennale zu sehen war.

Ob die zuletzt mit 17.000 Gästen besuchte Veranstaltung notwendigerweise in emotionalen Reaktionen ihre Bestätigung findet, muss sich zeigen. Die Ausrichtung der ausgewählten Werke ist im Ganzen weniger zerebral und konzeptuell, als vielmehr sinnlich und poetisch-erzählerisch, hier und da vielleicht ein wenig illustrativ, doch angenehm intim gestimmt und fraglos zum Nachdenken, auch über eigene Gefühle, anregend.

Publikationen: Momentum 10, The Emotional Exhibition, Reader, Art & Theory, Stockholm 2019, 452 S., ca. 16,50 €, ISBN 978-91-88031-75-4

Webseite: www.momentum.no


Thomas W. Kuhn

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